Müssen Kinder funktionieren

Müssen unsere Kinder funktionieren?

Müssen Kinder funktionieren?

Das Schuljahr der Großen neigt sich dem Ende zu. Zum Glück, wie ich finde! Es war viel in diesem Schuljahr. Viel Input, vielleicht sogar zu viel.
Ich finde die Ansprüche an die Kinder hier in den USA ziemlich hoch. Das fängt schon früh an. In so mancher Preschool wird fleißig das ABC geübt, oder wahlweise auch Zuhause mit den Eltern. Es gibt Bücher, wie man sogar schon seinem Baby das Lesen beibringen kann Click Here. Mein Eindruck ist auch manchmal sogar, dass die Kinder funktionieren sollen.

Kindergarten

Als die Große mit fünf in den Kindergarten kam, dachte ich noch, dass es so eine Art Vorschule wäre. Sie würden dort wohl viel malen und basteln und eben sehr spielerisch lernen. So als Vorbereitung auf die “echte” Schule, so dachte ich zumindest. Als es dann ziemlich schnell mit Lesen, Schreiben und Rechnen los ging im Kindergarten war ich baff und geschockt. Kindergarten war mehr wie die 1. Klasse in Deutschland! Vielleicht sogar noch mehr, denn es wurde von den Kindern erwartet, dass sie mitmachen und durchhalten von 7:50 bis 2:10 Uhr von Montag bis Freitag. Als ich dann den Stundenplan bekam und sah wieviel Unterricht und wie wenig Pause die Kinder hatten half das nicht unbedingt.
Es war nicht ideal, aber das Kindergarten Schuljahr haben wir es irgendwie hinbekommen. Es gab noch keine Hausaufgaben, außer regelmäßiges Lesen. So hat die Große nach der Schule ganz viel gespielt und getobt als Ausgleich.

1. Klasse – 1st Grade

Nun hat sie die 1. Klasse, oder 1st Grade, fast geschafft. Es ist dieses Mal noch härter. Ich merke, dass meine Große erschöpft ist. Es war ein ganz schönes Pensum, was sie da gestemmt hat. Am Anfang des Schuljahres beim Eltern-Lehrer-Gespräch wurden mir die Ziele für die Schüler eröffnet. Sehr ambitionierte Ziele, wie ich fand. Wie wollte die Lehrerin das machen? Was würde das für mein Kind bedeuten?
Ab der 1. Klasse gab es nun auch Hausaufgaben. Vier Mal die Woche. Dazu sollte dann auch noch gelesen werden.
Versteht mich nicht falsch, ich bin nicht gegen das Lernen oder generell gegen Leistung, aber ich bin der Meinung, dass es altersgerecht sein muss, um zu funktionieren. Mit 6 Jahren über 6 Zeitstunden Schule zu haben und dann auch noch die meiste Zeit davon sitzen zu müssen halte ich einfach für völlig daneben. Kinder lernen doch gerne, aber vor allem in noch so jungem Alter eben am besten spielerisch.

Was nun?

Anfangs haben wir noch versucht immer die Hausaufgaben zu machen, bis ich merkte, dass es völlig kontraproduktiv ist. Mein Kind kam schon müde vom langen Schultag zurück und sollte sich dann nochmal hinsetzen, um Hausaufgaben zu machen. Mein Mama-Gefühl sagte NEIN! Sie braucht doch Zeit, um zu spielen und einfach Kind zu sein und die bekommt sie nach der Schule auch von mir. So wurden die Hausaufgaben immer weniger gemacht. Das half einige Zeit etwas, aber nun gegen Ende des Schuljahres ist das nicht mehr genug. Mein Kind ist durch, das merke ich ganz deutlich.

Wenn Kinder nicht funktionieren

Vor ein paar Wochen sprach mich die Lehrerin der Großen an. Sie erzählte mir, dass mein Kind momentan keine gute Zeit in der Schule hätte. Sie wäre sehr empfindlich, gereizt und würde während des Unterrichts rumlaufen, anstatt zu sitzen. Die Lehrerin konnte sich dieses Verhalten nicht erklären und bat mich um Rat. Ich sagte ihr, dass ich Zuhause auch schon beobachtet hätte, dass mein Kind sich anders verhält. Sie aß weniger, war auch dort empfindlicher als sonst und wirkte müde. Ich hatte sie auch schon angesprochen. Die Lehrerin wollte das Schuljahr gerne zu einem guten Abschluss bringen und schlug vor es mit einem Belohnungssystem für gutes Verhalten zu versuchen. Außerdem lud sie mich ein mal während des Unterrichts vorbei zu kommen, um mir selbst ein Bild machen zu können. Nun dämmerte es mir. Sie könnte erschöpft von der Schule sein. Wenn ich gestresst und erschöpft bin, verhalte ich mich ähnlich. Zuhause sprach ich noch einmal mit der Großen. Ich frage sie, ob es ihr zu viel wäre in der Schule jetzt am Ende des Jahres, was sie bejahte.
Ich schrieb der Lehrerin eine Email und erzählte ihr davon.

Besuch in der Schule

Mein Besuch in der Schule stand auch noch an. Ich hatte mit der Lehrerin Tag und Zeit vereinbart und so kamen die Kleine und ich eine Stunde vor Schulschluss dort an. Die Große saß im Flur, vor dem Klassenraum auf einem Tisch. Wir gingen zusammen in den Klassenraum. Die Lehrerin sagte mir, dass mein Kind im Klassenraum rumgelaufen wäre, anstatt am Gruppentisch sitzend ihre Arbeit zu machen. Sie hätte sie daraufhin rausgeschickt zum beruhigen. In der letzten halben Stunde des Unterrichts sah ich kein, für mich, ungewöhnliches Verhalten. Ja, mein Kind war empfindlich und wirkte müde, aber ganz ehrlich, mir hat die kurze Zeit im Klassenraum schon gereicht. Ich stellte mir vor, dass meine Große ja schon seit 7:50 Uhr morgens Input bekam. Da erwartete die Lehrerin allen Ernstes, dass mein Kind nach 13 Uhr immer noch folgsam, auf ihrem Stuhl sitzend, volle Leistung bringen sollte?

Funktionieren funktioniert nicht

Nach dem Unterricht sprachen die Lehrerin und ich noch miteinander. Ich bekräftigte noch einmal meinen Eindruck, dass mein Kind wohl am Ende des Schuljahres erschöpft sei. Die Lehrerin nahm dies zur Kenntnis und überlegte Lösungsansätze. So richtig zufriedenstellend war es nicht. Ich habe den Eindruck, als ob hier in den USA alles noch viel stärker auf Leistung ausgerichtet ist. Wie schon anfangs geschrieben, fängt das oft schon bei den Kleinen an. Es wird scheinbar einfach erwartet, dass die Kinder eine bestimmte Leistung bringen und funktionieren und sich somit in das System einfügen. Vor einigen Jahren wurden für die Schulen sogenannte Academic Standards eingeführt. Leistung sollte messbar gemacht werden. Ich habe mit einigen Müttern älterer Kinder geredet. Sie sagten, dass Kindergarten früher wirklich so war, wie ich dachte, aber nun wie 1st Grade damals sei. Es scheint, als seien mit Einführung der Academic Standards auch die Leistungsanforderungen an die Kinder weiter gestiegen.
Mehr Leistung zu welchem Preis frage ich mich da? Wenn man Student School Burnout USA googelt findet man einiges. Zum Beispiel ein Artikel aus Psychology Today aus dem Jahr 2017 Click Here. Ein gutes Buch, in dem unter anderem auch das Schulsystem in USA mit dem in Deutschland verglichen wird ist Achtung Baby Click Here.

Wie sieht meine eigener Lösungsansatz aus?

So lange wir noch hier wohnen, muss ich wohl einen Weg finden, um die Schule erträglich zu machen für meine Große. Ich werde mir damit wahrscheinlich nicht so viele Freunde machen unter den Lehrern in der Schule, aber für mich ist klar, dass mein Kind nicht funktionieren muss. Sie hat viel geleistet und große Fortschritte gemacht in diesem Schuljahr und wenn sie mal eine Pause braucht, weil sie erschöpft ist, dann bekommt sie diese von mir auch.
Gestern nach der Schule haben wir uns noch mit einer Klassenkameradin der Großen und deren Mutter getroffen. Sie erzählte ganz ähnliche Dinge von ihren zwei Schulkindern. Sie schien da auch ähnliche Ansichten, wie ich zu haben. Es war irgendwie beruhigend zu wissen, dass wir nicht alleine sind!

Mich würden eure Erfahrungen aus Deutschland total interessieren! Wie geht es euren Kindern dort in der Schule?

Bis bald,

XX Miriam

 

 

 

 

Please follow and like us:

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.